Chemsex Aufklärung in Berlin
- Torsten Machold
- 6. Okt.
- 19 Min. Lesezeit

Erfahre mehr über Bedürfnisse, Hintergründe, gesundheitliche Risiken, Auswirkungen, sowie Therapie- und Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige. Vielleicht kann traumasensible Paar- & Sexualtherapie unterstützen, um eine neue & bisher ausgeschlossene Perspektive zu bekommen.
Chemsex Aufklärung in Berlin – Rausch, Nähe, Kontrollverlust: Wenn Lust zur Flucht wird
Was ist eine Chemsex Party und findet diese in Berlin statt?
Was passiert, wenn sich Lust, Rausch und Suche nach Zugehörigkeit zu einer einzigen Erfahrung verweben? Eine Chemsex-Party – auch Chill genannt – wirkt zunächst wie ein Raum unbegrenzter Freiheit: losgelöste Stimmung, unbekleidete Körper, gedämmtes Licht, alles in Bewegung. Grenzen scheinen aufgehoben, Alles scheint jederzeit verfügbar. Doch was auf den ersten Blick nach Abenteuer, Neugier und Selbstbestimmung aussieht, ist häufig Ausdruck eines tieferen Bedürfnisses – nach Kontakt, Bestätigung, Bedeutung.
Alle kommen hier zusammen, um zu spüren – oder endlich einmal nichts mehr zu spüren. Manche suchen den Kick, andere wollen fliehen: vor Einsamkeit, Scham, Druck oder dem Gefühl, nicht genug zu sein. Im Rausch verschmilzt alles – Realität, Sexualität, Identität.
Chemsex beschreibt Sex unter dem Einfluss chemischer Substanzen. Chemsex Partys können sich im Extremfall über mehrere Tage erstrecken. Dating Apps wie Grindr, Buddy, Scruff, Hornet etc. spielen eine wichtige Rolle für die Organisation und den Nachschub auf der Party - sowohl an Substanzen, als auch neuer Partyteilnehmer. Längst haben sich gängige Begriffe wie Party and Play (PnP), High and Horny (HnH)oder High Tonight (HTnghT) etabliert. Verschiedene ICONs lassen ebenfalls sofort erkennen, wer zu diesen Kreisen dazu gehört. Oftmals lässt sich an den ICONs bereits die Art der bevorzugten Substanzen kommunizieren.
Neben den Risiken des Substanzgebrauchs und Mischkonsums legen Studien ein erhöhtes Risikoverhalten der Verbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten sowie dem Auftreten psychischer Erkrankungen der Anwender nahe. Chemsex beschreibt Sex unter dem Einfluss chemischer Substanzen.
Viele User leben in wirtschaftlich stabilen Verhältnissen, haben einen guten Job, eine Wohnung etc. und leiden lange Zeit im Stillen unter ihren Konsummustern, die sie am Wochenende bei den Partys ausleben. Oftmals sind Ansprechpartner und Freunde ebenfalls Teil der Szene, die die Risiken verharmlosen.
Welche Bedürfnisse werden beim Chemsex vermeintlich gestillt?
Chemsex verspricht auf den ersten Blick die Erfüllung vieler menschlicher Grundbedürfnisse:
Kontakt und Gemeinschaft: Das Gefühl, dazuzugehören, nicht mehr allein zu sein.
Abenteuer und Neugier: Das Überschreiten der eigenen Grenzen, das Erleben des Außergewöhnlichen.
Bestätigung: Das Bedürfnis, gesehen, begehrt und akzeptiert zu werden.
Hemmungslosigkeit: Endlich frei von Scham, Leistungsdruck oder Erwartungen zu sein.
Ablenkung und Betäubung: Für einige eine Möglichkeit, Alltagsstress, Angst oder Schmerz zu vergessen.
Unter dem Einfluss sogenannter Chems – Substanzen wie Crystal Meth, GHB/GBL oder Mephedron – scheinen Selbstzweifel und Scham zu verschwinden. Alles wird intensiver: Lust, Nähe, Wahrnehmung. Gleichzeitig verschwimmt die Grenze zwischen Selbstbestimmung und Kontrollverlust.
Chemsex ist somit nicht nur ein sexuelles Verhalten, sondern häufig ein emotionales oder soziales Bewältigungsmuster. Menschen greifen zu, um Leere, Angst oder innere Unruhe zu regulieren – und geraten dadurch in ein Kreislaufmuster aus kurzfristiger Befriedigung und langfristiger Belastung.
Chemsex Berlin - Zwischen Freiheit und Flucht
Die Szenen, in denen Chemsex stattfindet, präsentieren sich oft als Orte der Offenheit – Freiheit von Scham, Rollenbildern und gesellschaftlicher Bewertung. Für viele wirkt das befreiend, insbesondere für Menschen, die in ihrer Sexualität Ausgrenzung oder Diskriminierung erfahren haben.
Doch der vermeintlich sichere Raum (Safer Space) kann schnell kippen: Was als Begegnung auf Augenhöhe beginnt, kann zu Überforderung, Verletzung oder gar Traumatisierung führen. Körperliche Grenzen verschwimmen, und mit zunehmender Dauer des Konsums steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Zustimmung, Bewusstsein und Selbstschutz verloren gehen.
Chemsex - Die Dynamik hinter der Faszination
Auf neurobiologischer Ebene lässt sich die Faszination erklären: Substanzen wie Crystal Meth oder GHB aktivieren das Dopamin-System, das für Motivation, Belohnung und sexuelles Verlangen zuständig ist. Gleichzeitig hemmen sie Angst- und Schamreaktionen. Dadurch entsteht ein Zustand, der sich für viele wie Freiheit anfühlt – eine Befreiung von inneren Grenzen, Leistungsdruck und Unsicherheit. Doch diese „Freiheit“ ist trügerisch. Der Körper gewöhnt sich an den künstlich erzeugten Dopaminrausch, während das emotionale System immer stärker abstumpft. Nach dem Konsum folgen oft Erschöpfung, Leere und depressive Verstimmungen. In der Psychologie spricht man hier von einem klassischen Rebound-Effekt: das Gehirn kann die natürliche Balance zwischen Lust und Ruhe nicht mehr selbst herstellen.
Chemsex als Spiegel innerer Konflikte
Chemsex offenbart nicht nur etwas über die Sexualität, sondern auch über die psychische Verfassung der Beteiligten. In Paar- oder Einzelgesprächen zeigt sich oftmals:
ungelöste Traumata oder negative Beziehungserfahrungen,
internalisierte Scham (z. B. durch gesellschaftliche Stigmatisierung),
Selbstwertprobleme oder Bindungsunsicherheit,
der Wunsch nach Nähe ohne Verletzlichkeit.
Aus therapeutischer Sicht ist Chemsex daher ein Symptom, kein isoliertes Phänomen. Es zeigt, wie Menschen mit innerer Spannung, Einsamkeit oder emotionalem Schmerz umgehen.
Vom Rausch zur Reflexion
Chemsex ist kein Randthema von Männern, die mit Männern Sex haben. Es betrifft zunehmend auch heterosexuelle Männer und Frauen, die nach neuen Formen der sexuellen Befreiung suchen. Doch was als Spiel beginnt, kann schnell zum ernsten Problem werden, wenn emotionale Verletzlichkeit, Substanzwirkung und Gruppendruck zusammentreffen. Wer einmal erlebt hat, wie leicht sich Realität im Rausch verschiebt, versteht, wie gefährlich die Sehnsucht nach Intensität sein kann. In der therapeutischen Arbeit geht es daher weniger um Verurteilung als um Verständnis und Bewusstwerdung: Chemsex Aufklärung in Berlin heißt u.a. Was suchst du wirklich, wenn du „chillen“ gehst? Ist es Lust – oder die Flucht vor dir selbst?
Was macht Chemsex so reizvoll?
Chemsex ist selten nur ein Impuls aus Neugier. Hinter der bewussten Entscheidung, Substanzen mit Sexualität zu kombinieren, stehen oft komplexe emotionale, soziale und psychologische Motive. Für viele ist es ein Versuch, etwas zu spüren, das im Alltag verloren gegangen ist: Nähe, Intensität, Zugehörigkeit. Für andere ist es eine Strategie, sich selbst zu vergessen – für ein paar Stunden ohne Angst, ohne Scham, ohne Gedanken an die eigenen Grenzen.
Die Suche nach dem Kick – und nach Verbindung
In Gesprächen mit Klient*innen in der Sexualtherapie Berlin wird deutlich: Chemsex ist weniger ein Ausdruck von Enthemmung als ein Versuch, Verbindung herzustellen – zu sich selbst oder zu anderen. Manche Personen erleben Sexualität als Ort, an dem sie sich lebendig fühlen, während das Leben außerhalb leer oder kontrolliert erscheint. Die Substanzen schaffen eine Atmosphäre von Unmittelbarkeit: Berührungen werden intensiver, Blickkontakt tiefer, Nähe scheint grenzenlos.
Doch hinter dieser Intensität steckt häufig eine tiefe Sehnsucht nach emotionaler Sicherheit. Das Bedürfnis, „endlich einmal loszulassen“, entsteht oft aus einem Zustand innerer Anspannung – aus Überforderung, Einsamkeit, Leistungsdruck oder unerfüllten Erwartungen an sich selbst. Im Rausch verschmelzen Körper und Emotionen zu einem Gefühl, das so unmittelbar wirkt, dass es wie echte Nähe erscheint. Aber diese Nähe ist flüchtig. Sobald der Effekt nachlässt, bleibt Leere zurück – und das Bedürfnis nach Wiederholung wächst.
Scham, Selbstbild und Identität
Ein wichtiger Faktor ist Scham. Viele Menschen, die Chemsex praktizieren, berichten in der Therapie, dass sie sich in ihrem Alltag nicht vollständig zeigen können. Die Substanzen wirken wie ein „sozialer Weichzeichner“: Sie nehmen die Angst, abgelehnt oder bewertet zu werden. In diesem Zustand fühlen sich manche zum ersten Mal frei, so zu sein, wie sie wirklich sind – oder wie sie glauben, sein zu müssen, um geliebt zu werden.
Gerade in der LGBTQIA+-Community, wo Akzeptanz und Selbstwert eng miteinander verwoben sind, spielt dieser Aspekt eine große Rolle. Der Rausch erlaubt es, Rollenbilder und Stigmata abzulegen – doch er ersetzt keine stabile Identität. Was im Moment der Enthemmung als Befreiung erlebt wird, kann langfristig das Gegenteil bewirken: eine Entfremdung vom eigenen Körper und Empfinden.
Gruppendruck und Gemeinschaft
Der gemeinschaftliche Aspekt ist Teil des Reizes – und der Gefahr. Partys, auf denen Chems konsumiert werden, bieten ein Gefühl von Zugehörigkeit, gegenseitiger Bestätigung und Anonymität zugleich. In meiner Arbeit wird deutlich: Viele Betroffene beschreiben, dass sie sich in diesen Räumen „endlich verstanden“ fühlten – als Teil einer Gemeinschaft, in der Regeln aufgehoben sind und alles erlaubt scheint. Doch Gruppendynamik kann Druck erzeugen. Das Bedürfnis, „mithalten“ zu wollen, wird zum Motor: noch länger wach, noch mehr Intensität, noch weniger Grenzen. Was als gemeinsames Erlebnis beginnt, kann zu einer stillen Konkurrenz um Bestätigung werden.Zugleich entsteht das Gefühl, „nicht mehr aussteigen zu können“, ohne die Gemeinschaft – und damit ein Stück Identität – zu verlieren.
Chemsex Aufklärung in Berlin - Risiken für die psychische und körperliche Gesundheit
Psychische und körperliche Auswirkungen
Substanzkonsum kann starke Ängste und Wahnvorstellungen hervorrufen. Unter Umständen führt der Konsum zu Kontrollverlust oder Blackout. Die Situation, in der man sich befindet, kann man dann willentlich nicht mehr beeinflussen. Auch nach dem Konsum können depressive Episoden auftreten. Ebenso das Nachlassen der Wirkung kann psychische Belastungen und Ängste fördern.
Besonders gefährlich ist, dass die euphorisierende Wirkung der Drogen häufig das Bewusstsein für Schutzmaßnahmen und Körpergrenzen verringert.
Ein oft unterschätztes Thema sind Wechselwirkungen mit Medikamenten, insbesondere bei Menschen, die HIV-Medikamente einnehmen. Bestimmte Substanzen können die Wirkung von antiviralen Medikamenten abschwächen oder verstärken – mit potenziell lebensgefährlichen Folgen. Auch Mischkonsum, etwa mit Alkohol oder Schlafmitteln, erhöht das Risiko von Überdosierungen und akuten Notfällen erheblich.
Unterschätzte Gefahrenlage von Chemsex Usern
In der akuten Rauschsituation kann es zudem zu gefährlichen körperlichen Reaktionen kommen: Krämpfe, Bewusstlosigkeit, allergische Schocks oder psychotische Episoden treten nicht selten auf. Bei Präapismus (dauerhafter, schmerzhafter Erektion) kann es sogar zu bleibenden körperlichen Schäden kommen. Manche erleben während sogenannter „Chemsex-Sessions“ Situationen, in denen körperliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe stattfinden – oftmals begünstigt durch Kontrollverlust und Gruppendruck. Im Ernstfall kann jede Minute entscheidend sein. Wer in einem Notfall die konsumierten Substanzen verschweigt, gefährdet nicht nur die Rettung, sondern erschwert auch medizinische Hilfe. Ärztliche Teams müssen wissen, welche Drogen im Spiel sind, um gezielt reagieren zu können – Schweigen kann in diesen Fällen lebensbedrohlich sein.
Langfristige Auswirkungen von Chemsex
Langfristig zeigt sich, dass Chemsex nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche massiv belastet. Depressionen, Angstzustände, Scham und sozialer Rückzug sind häufige Folgen. Viele Betroffene berichten, dass sie ohne Drogen kaum noch sexuelle Lust empfinden können – ein Teufelskreis aus Sucht, Scham und Einsamkeit entsteht. Hinzu kommen psychotische Zustände, insbesondere bei regelmäßigem Meth- oder Mephedron-Konsum, die als extrem beängstigend und traumatisch erlebt werden. Im schlimmsten Fall kann es zu Suizidgedanken oder suizidalem Verhalten kommen, wenn Scham, Isolation und Kontrollverlust überhandnehmen. Die Folgen wirken weit über das Individuum hinaus: Partnerschaften zerbrechen, Freundschaften brechen ab, berufliche Strukturen geraten ins Wanken. Manche Betroffene berichten von einem schleichenden Abdriften in ein Chaos.
Psychologische Mechanismen hinter Chemsex
Chemsex aktiviert mehrere psychologische Muster gleichzeitig:
Belohnungssystem: Drogen wie Crystal Meth oder Mephedron steigern die Ausschüttung von Dopamin, Serotonin und Noradrenalin. Das Gehirn verbindet Sexualität fortan mit dieser intensiven Reizkombination.
Konditionierung: Der Körper lernt: Lust = Rausch. Ohne Substanz fällt das Erleben schwerer.
Dissoziation: Der Rausch kann dazu dienen, sich vom eigenen Körper oder unangenehmen Emotionen zu distanzieren.
Kontrollillusion: Viele glauben, die Situation im Griff zu haben – bis die Grenze unbemerkt überschritten wird.
Diese Mechanismen erklären, warum Chemsex für manche Menschen zu einem Kreislauf aus Suche, Konsum, Erschöpfung und Scham wird. Die Substanzen bieten kurzfristig Kontrolle – über Stimmung, Körper, Nähe – doch langfristig führen sie in Kontrollverlust.
Chemsex und Beziehungsdynamik
Für Paare, die in der Paartherapie Berlin Unterstützung suchen, steht oft die Frage im Raum: „Was bedeutet das für uns?“
Chemsex kann Beziehungen sowohl verbinden als auch zerstören. Manche erleben den gemeinsamen Konsum als Intimität, andere als Entfremdung. Wenn einer der Partnerinnen ohne Substanzen kaum noch sexuelle Erregung erlebt, entsteht ein Ungleichgewicht, das Vertrauen und Stabilität gefährden kann. In solchen Situationen braucht es Offenheit, professionelle Begleitung und vor allem den Mut, über Angst, Scham und Bedürfnisse zu sprechen.
Hier bietet die Sexualtherapie Berlin oder ein begleitendes Paarcoaching einen Raum, um Dynamiken zu verstehen, Schuldzuweisungen aufzulösen und neue Wege der Begegnung zu finden, – jenseits von Drogen, aber nicht jenseits von Lust.
Chemsex - Von der Sehnsucht zur Sucht
Chemsex wird nicht von heute auf morgen zur Abhängigkeit. Es beginnt meist als Experiment – ein Spiel mit Intensität und Grenzen. Doch mit jedem Mal verschiebt sich die Toleranzschwelle. Das Gehirn verlangt nach mehr, um denselben Effekt zu spüren. Parallel dazu wächst das emotionale Vakuum: Wenn der Rausch abklingt, kehrt das zurück, was vorher schon schwer auszuhalten war – Einsamkeit, Selbstzweifel, Scham. Therapeutisch betrachtet spricht man hier von einer Verstärkungsschleife: Der Versuch, negative Gefühle zu vermeiden, verstärkt sie langfristig. Die Suche nach Nähe endet in Isolation.Die Kontrolle, die man glaubte zu gewinnen, geht verloren. Chemsex ist damit weniger ein Phänomen der Sexualität als eines der emotionalen Regulation. Es zeigt, wie tief verwoben Lust, Angst, Scham und Zugehörigkeit in unserer Psyche sind – und wie leicht der Wunsch nach Freiheit in eine neue Form von Abhängigkeit kippen kann.
Zwischen Kontrolle und Kontrollverlust – Wenn Chemsex Körper, Psyche und Beziehungen verändert
Chemsex ist kein Randphänomen mehr, sondern ein wachsendes gesellschaftliches Thema. Hinter der scheinbaren Freiheit und Selbstbestimmung verbirgt sich ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Neurochemie, Emotion und Beziehung. Was als Versuch beginnt, Kontrolle über das eigene Empfinden zu gewinnen, endet oft im Verlust eben dieser Kontrolle – über den Körper, die Psyche und manchmal auch über das eigene Leben.
Der Körper im Ausnahmezustand
Die meisten Substanzen, die beim Chemsex konsumiert werden – etwa Crystal Meth, GHB/GBL oder Mephedron – wirken stark auf das zentrale Nervensystem. Sie verändern nicht nur Wahrnehmung und Erregung, sondern auch grundlegende Körperfunktionen wie Schlaf, Appetit, Kreislauf und Hormonhaushalt. Was viele nicht bedenken: Diese Substanzen überfluten das Gehirn mit Neurotransmittern – Dopamin, Noradrenalin und Serotonin – die für Motivation, Lust und Belohnung zuständig sind. Nach dem Konsum sind die Speicher dieser Botenstoffe erschöpft. Das Ergebnis: depressive Verstimmungen, Schlaflosigkeit, Angstzustände, körperliche Schmerzen oder sogar Psychosen.
In der Sexualtherapie Berlin berichten Betroffene häufig, dass sie nach einer Party kaum noch sexuelles Interesse oder emotionale Stabilität verspüren. Das Gehirn hat gelernt, Sexualität mit Substanzkonsum zu koppeln – ein Prozess, der sich therapeutisch nur langsam wieder lösen lässt.
Chemsex verstehen: Verschiedene Perspektiven und psychologische Hintergründe
Um das Phänomen Chemsex wirklich zu begreifen, reicht es nicht aus, nur auf den Drogenkonsum oder das sexuelle Verhalten zu schauen. Verschiedene wissenschaftliche und therapeutische Schulen haben versucht, das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erklären – von psychodynamischen Ansätzen über Modelle der öffentlichen Gesundheit bis hin zu soziokulturellen und queer-theoretischen Perspektiven. Jede dieser Sichtweisen eröffnet neue Erkenntnisse darüber, warum Menschen Chemsex praktizieren, welche inneren Konflikte und äußeren Faktoren dabei eine Rolle spielen und welche therapeutischen Ansätze hilfreich sein können.
Psychodynamische Perspektive: Scham, Nähe und das Unbewusste
Aus psychodynamischer Sicht steht Chemsex in engem Zusammenhang mit unbewussten Konflikten, Scham und Bindungsthemen. Der Konsum von Substanzen wie GHB/GBL oder Crystal Meth kann als Form der Selbstmedikationverstanden werden – als Versuch, Gefühle von Einsamkeit, Angst oder Scham zu betäuben. Der Rausch wird damit zu einem kurzfristigen Mittel, um Nähe zuzulassen, Hemmungen zu überwinden oder traumatische Erlebnisse zu kompensieren.Langfristig jedoch verstärkt dieser Mechanismus häufig genau jene Isolation und Leere, die er kurzfristig lindern soll. Forschungsergebnisse (Fosket & Hepworth, 2019) zeigen, dass diese Dynamik tief in emotionalen Vermeidungsstrategien verwurzelt ist – die Substanz wird zur „Abwehr“ gegen innere Verletzungen. Trotzdem bleibt die empirische Evidenz für psychodynamische Chemsex-Therapien bisher gering; meist handelt es sich um zeitintensive, prozessorientierte Verfahren, die vor allem in der individuellen Psychotherapie zur Anwendung kommen.
Quelle: Fosket, J. R., & Hepworth, J. (2019). Psychodynamic perspectives on chemsex and intimacy. Sexualities, 22(1–2), 184–199. DOI:10.1177/1363460718761112
Öffentliche Gesundheit & Harm Reduction: Sicherheit statt Moral
Der Ansatz der Harm Reduction (Schadensminimierung) betrachtet Chemsex in erster Linie aus der Perspektive der öffentlichen Gesundheit. Statt moralische Urteile zu fällen oder Verbote in den Vordergrund zu stellen, geht es darum, gesundheitliche Risiken zu verringern und den Zugang zu Prävention und medizinischer Versorgung zu verbessern. Praktisch bedeutet das: Bereitstellung von Safer-Use-Informationen, Zugang zu Testkits, PEP/PrEP-Beratung, Notfallnummern und Unterstützung bei der Krisenbewältigung. Ziel ist es, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen – ohne Schuldzuweisungen. Kritisch gesehen bleibt bei diesem Ansatz jedoch oft unberücksichtigt, dass psychische Ursachen des Konsums, wie Scham, Einsamkeit oder internalisierte Homophobie, unbehandelt bleiben. Eine reine Schadensminimierung kann zwar kurzfristig Sicherheit schaffen, aber selten zu langfristiger emotionaler Stabilität führen.
Quelle: Bourne, A. et al. (2015). The Chemsex Study: drug use in sexual settings among gay and bisexual men in Lambeth, Southwark & Lewisham. International Journal of Drug Policy, 29, 31–36. DOI:10.1016/j.drugpo.2015.01.010
Soziokulturelle & Minority-Stress-Perspektive: Chemsex als Bewältigungsstrategie
Eine weitere wichtige Sichtweise stammt aus der Queer Theory und der Minority-Stress-Forschung. Hier wird Chemsex nicht isoliert als Sucht- oder Sexualverhalten betrachtet, sondern als Reaktion auf Diskriminierung, Stigmatisierung und sozialen Druck, denen insbesondere Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben, häufig ausgesetzt sind.Die Forschung von Meyer (2003) beschreibt, wie Minority Stress – also der chronische Stress durch Vorurteile, Ausgrenzung oder innere Konflikte mit der eigenen Identität – psychische Belastungen verstärkt und Bewältigungsstrategien wie Substanzgebrauch begünstigt. Chemsex kann in diesem Kontext verstanden werden als Versuch, Spannungen zu lösen, Zugehörigkeit zu erleben und sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu befreien.Doch der Preis ist hoch: Die kurzfristige Erleichterung kann langfristig zu Isolation, Selbstwertproblemen und Abhängigkeit führen. Für die Therapie bedeutet das, dass soziale Kontexte und Identitätsfragen immer Teil der Arbeit mit Betroffenen sein sollten.
Quelle: Meyer, I. H. (2003). Prejudice, social stress, and mental health in lesbian, gay, and bisexual populations.Psychological Bulletin, 129(5), 674–697. DOI:10.1037/0033-2909.129.5.674
Aktuelle Studienlage: Chemsex als europaweites Phänomen
Die bisher größte Untersuchung, die EMIS-2017 (European MSM Internet Survey), befragte über 100.000 Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), in 50 europäischen Ländern. Zwischen 6 und 10 % der Teilnehmenden gaben an, in den letzten 12 Monaten Chemsex betrieben zu haben – in Großstädten lag der Anteil deutlich höher.Die häufigsten konsumierten Substanzen waren Crystal Meth, Mephedron und GHB/GBL. Laut der Studie stellt Chemsex ein relevantes gesundheitliches und psychosoziales Risiko dar, insbesondere im Zusammenhang mit HIV/STI-Übertragungen und psychischen Belastungen.
Quelle: EMIS Network. (2019). The European Men-Who-Have-Sex-With-Men Internet Survey. Stockholm: ECDC. Link
Eine aktuelle Meta-Analyse von Tomkins et al. (2023) bestätigt diese Ergebnisse: Rund 20–30 % der MSM in europäischen Großstädten haben bereits Chemsex-Erfahrungen gemacht. Auffällig ist die enge Verbindung zwischen substanzbezogenen Problemen und psychischen Belastungen, wie Depressionen, Angststörungen oder sexuelle Funktionsstörungen.
Quelle: Tomkins, A., George, R., Klimer, M., & King, C. (2023). The prevalence and correlates of chemsex among gay, bisexual, and other men who have sex with men: A systematic review and meta-analysis. Addiction, 118(6), 1123–1139. DOI:10.1111/add.16102
Chemsex Aufklärung Berlin – zwischen Krisenintervention, Motivation und Traumaheilung
Wer einmal in den Sog von Chemsex geraten ist, erlebt schnell, dass Ausstieg oder Veränderung kein einfacher Weg sind. Der Konsum von Substanzen wie GHB/GBL, Crystal Meth oder Mephedron in Verbindung mit Sexualität greift tief in Körper, Psyche und soziale Beziehungen ein. Entsprechend vielschichtig sind die therapeutischen Ansätze, die helfen können, Stabilität, Sicherheit und sexuelle Selbstbestimmung wiederzufinden.
Akut- und Sicherheitsmanagement: Lebensrettung vor Therapie
In der akuten Phase steht immer die körperliche Sicherheit im Vordergrund. Substanzen wie GHB/GBL oder Crystal Meth bergen erhebliche Risiken – von Überdosierungen, Krampfanfällen, Wahnzuständen bis hin zu lebensbedrohlichen Kreislaufversagen.Beim Entzug von GHB/GBL ist oft eine stationäre Behandlung erforderlich, da Entzugserscheinungen rasch eskalieren können. Hier werden Benzodiazepine oder pharmazeutisches GHB eingesetzt, um Komplikationen zu vermeiden.
Auch beim Konsum von Methamphetamin oder Cathinonen (z. B. Mephedron) spielt Schlafregulation, Flüssigkeitszufuhr und Ernährung eine zentrale Rolle, um den Organismus zu stabilisieren. Ziel dieser Maßnahmen ist es, das akute Risiko zu senken und die Grundlage für weiterführende psychosoziale Interventionen zu schaffen. Dieser Bereich gehört klar in den medizinischen Kontext und sollte ausschließlich von Fachärzt*innen für Psychiatrie, Suchtmedizin oder Notfallmedizin begleitet werden.
Quelle: van Amsterdam, J., & van den Brink, W. (2020). The adverse health effects of GHB use. Current Opinion in Psychiatry, 33(4), 312–317. DOI:10.1097/YCO.0000000000000612
Harm Reduction – Schadensminimierung statt Verurteilung - Chemsex Aufklärung in Berlin
Harm-Reduction-Programme zielen darauf ab, den Schaden zu begrenzen, anstatt Konsumierende zu stigmatisieren. Ziel ist nicht zwingend die sofortige Abstinenz, sondern Sicherheit und Risikoreduktion.
Maßnahmen sind u. a.:
Safer-Use- und Safer-Sex-Kits,
PEP/PrEP-Beratung und regelmäßige Testangebote,
Buddy-Systeme für Notfälle,
anonyme Online-Beratungen, Check-ins und Krisenlinien.
Diese Angebote fördern Vertrauen und verhindern gefährliche Isolation. Sie können der erste Schritt sein, um wieder Zugang zu medizinischer oder psychotherapeutischer Hilfe zu finden.Kritisch bleibt, dass dieser Ansatz zwar Sicherheit schafft, aber häufig keine tiefergehende Bearbeitung psychischer Ursachen ermöglicht. Dennoch ist er für viele Betroffene der entscheidende Einstiegspunkt in einen Heilungsprozess.
Quelle: Bourne, A., Reid, D., Hickson, F., Torres-Rueda, S., & Weatherburn, P. (2015). The Chemsex Study. International Journal of Drug Policy, 29, 31–36. DOI:10.1016/j.drugpo.2015.01.010
Kognitiv-behaviorale Therapie (CBT) & Achtsamkeitsbasierte Rückfallprävention (MBRP)
Die kognitiv-behaviorale Therapie (CBT) ist einer der am besten erforschten Ansätze bei Chemsex. Sie zielt darauf ab, dysfunktionale Gedankenmuster wie „Ich kann Sex nur unter Drogen genießen“ zu erkennen und zu verändern.Dabei werden Auslöser (Trigger), Rückfallketten und Denkfehler analysiert, um neue, gesündere Strategien zu entwickeln.
Ergänzend hilft Mindfulness-Based Relapse Prevention (MBRP), achtsam mit Verlangen und Emotionen umzugehen, ohne impulsiv zu handeln.Das bedeutet: Gefühle und Körperempfindungen werden bewusst wahrgenommen, statt automatisch mit Konsum reagiert zu werden.
Therapeutisch werden hier auch Themen wie Sexualität, Nähe und Intimität integriert – das Ziel ist, eine stabile sexuelle Identität aufzubauen, in der Lust, Grenzen und Selbstbestimmung wieder Platz haben.
Quelle: Klein, H., & Golub, S. A. (2022). Cognitive-behavioral interventions for sexualized drug use (‘chemsex’).Journal of Gay & Lesbian Mental Health, 26(2), 128–145. DOI:10.1080/19359705.2022.2032105
Motivational Interviewing (MI): Veränderung beginnt mit Ambivalenz
Viele Betroffene erleben einen inneren Konflikt: Ein Teil sehnt sich nach Kontrolle und Veränderung, ein anderer nach Nähe, Freiheit und Rausch. Motivational Interviewing (MI) arbeitet genau mit dieser Ambivalenz. In einem wertschätzenden, nicht-konfrontativen Gesprächsrahmen werden eigene Ziele formuliert – etwa Konsumreduktion, Abstinenz oder sichere Settings.
Der Fokus liegt dabei auf der intrinsischen Motivation: Veränderung entsteht nicht durch Druck, sondern durch die Stärkung von Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung. MI kann eine Brücke zwischen Aufklärung, Therapie und konkretem Handeln sein – besonders dann, wenn Scham oder Angst bislang eine Annäherung an Hilfsangebote verhindert haben.
Quelle: Díaz, A., Sorli, M. L., & Fernández-Dávila, P. (2024). Motivations and experiences of chemsex among MSM: A qualitative systematic review. Journal of Substance Use, 29(2), 123–135. DOI:10.1080/14659891.2023.2256781
Trauma-informierte Sexual- und Paartherapie
Viele Menschen, die Chemsex betreiben, berichten über Scham, internalisierte Homonegativität oder traumatische Erfahrungen. Diese Themen sind oft eng mit Sexualität, Nähe und Selbstwert verknüpft.In der trauma-informierten Sexualtherapie geht es darum, Sicherheit im eigenen Körper und in Beziehungen wiederherzustellen.Therapeutisch werden Themen wie Consent, Grenzen, Performance-Druck, Intimität und Lust bearbeitet – unabhängig von Substanzen.
Solche Ansätze sind besonders in der Sexual- und Paartherapie wertvoll, weil sie Scham transformieren und Selbstakzeptanz fördern, statt Verhalten zu pathologisieren.
Beziehungsdynamik: Zwischen Nähe, Scham und Entfremdung
In Partnerschaften, in denen Chemsex vorkommt, ist das Thema oft mit Schweigen, Angst und Unsicherheit belegt. Die Betroffenen fragen sich: War das gemeinsame Erlebnis ein Ausdruck von Intimität – oder ein Symptom unserer Distanz?
In der Paartherapie Berlin zeigt sich häufig, dass Chemsex in Beziehungen eine Doppelfunktion erfüllt:
Einerseits schafft er ein intensives Gemeinschaftserlebnis.
Andererseits ersetzt er emotionale Nähe durch chemisch erzeugte Intimität.
Mit der Zeit kann dies zu Vertrauensverlust, Eifersucht oder sexueller Entfremdung führen. Wenn einer der Partnerinnen versucht, auszusteigen, während der andere weitermacht, entstehen tiefe Risse im Beziehungsgefüge. Hier bietet Paartherapie einen geschützten Raum, um offen über Schuld, Scham und Sehnsüchte zu sprechen – ohne moralische Bewertung, aber mit klarem Fokus auf emotionale Verantwortung.
Verdrängte Traumata und die Illusion der Kontrolle
Nicht selten steht hinter wiederholtem Chemsex ein unverarbeitetes Trauma – sei es durch frühere Gewalt, Ablehnung, Diskriminierung oder Beziehungsabbrüche. Die Substanzen wirken in solchen Fällen wie ein emotionaler „Schutzschild“: Sie betäuben Angst und Schmerz, während sie gleichzeitig Nähe ermöglichen.
Doch dieser Mechanismus verstärkt sich: Das, was ursprünglich vor dem Schmerz schützen sollte, führt in neue Verletzungen. Gerade wenn Grenzen im Rausch überschritten werden oder Erinnerungen fragmentarisch bleiben, kann das Erlebte sekundär traumatisierend wirken.
In der EMDR Traumatherapie Berlin arbeiten wir gezielt mit den Bildern, Körperempfindungen und Emotionen, die nach solchen Erfahrungen zurückbleiben. EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) hilft, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, die emotionale Ladung zu reduzieren und das Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen.
Dabei ist entscheidend, die Grenze zum medizinischen Bereich zu wahren: Psychotherapie kann emotionale Ursachen behandeln, nicht aber Entzugsmanagement oder körperliche Risiken – das bleibt Aufgabe der Medizin.
Quelle: Fosket, J. R., & Hepworth, J. (2019). Psychodynamic perspectives on chemsex and intimacy. Sexualities, 22(1–2), 184–199. DOI:10.1177/1363460718761112
Medikamentöse Optionen: Ergänzung, kein Ersatz
In Einzelfällen können Medikamente eingesetzt werden, um Symptome wie sexuelle Impulsivität oder GHB-Abhängigkeit zu behandeln.Bei zwanghaftem Sexualverhalten (CSBD) können SSRIs oder Naltrexon helfen, das Verlangen zu dämpfen.Beim GHB-Entzug kommen Benzodiazepine oder pharmazeutisches GHB unter ärztlicher Aufsicht zum Einsatz.
Diese Behandlungen sind ausschließlich medizinisch indiziert und sollten nie ohne ärztliche Begleitung erfolgen. Medikamente können die Therapie unterstützen, ersetzen aber nicht die psychotherapeutische Bearbeitung zugrunde liegender Themen wie Scham, Einsamkeit oder Verlust von Kontrolle.
Quelle: Kraus, S. W., Voon, V., & Potenza, M. N. (2018). Neurobiological and clinical considerations in the treatment of compulsive sexual behavior disorder. World Psychiatry, 17(1), 109–110. DOI:10.1002/wps.20499
Wege der Überwindung – zwischen Aufarbeitung, Stabilisierung und Selbstfürsorge
Chemsex hinterlässt Spuren – körperlich, emotional und zwischenmenschlich. Wer sich davon lösen oder die eigenen Erfahrungen verstehen möchte, braucht vor allem Zeit, Sicherheit und professionelle Begleitung. Überwindung bedeutet hier nicht „zurück in die Normalität“, sondern das Wiederfinden eines selbstbestimmten Lebens, in dem Nähe, Sexualität und Identität ohne Substanzen möglich sind.
Der erste Schritt: Anerkennen & Akzeptieren, was ist
Viele Betroffene brauchen Monate, manchmal Jahre, um sich einzugestehen, dass der Konsum nicht mehr unter Kontrolle ist oder dass die Erlebnisse Spuren hinterlassen haben. Dieser Schritt ist kein Versagen – er ist der Beginn von Veränderung.
In der Sexualtherapie Berlin geht es zunächst um Stabilisierung:
Erkennen, was triggert oder überfordert.
Den Körper wieder als Verbündeten wahrnehmen.
Grenzen spüren lernen, ohne Scham.
Diese Phase kann emotional herausfordernd sein, weil sie das konfrontiert, was im Rausch betäubt wurde: Einsamkeit, Schmerz, Angst, Leere.Doch genau hier entsteht neue Selbstwirksamkeit.
Traumaverständnis: Warum Wiederholung kein Zufall ist
Hinter vielen Chemsex-Erfahrungen stehen alte Verletzungen, die nie vollständig integriert wurden – Ablehnung, Missbrauch, emotionale Vernachlässigung, Mobbing, Diskriminierung.Der Konsum kann unbewusst dazu dienen, diese Erinnerungen „auszuschalten“ oder symbolisch zu wiederholen, diesmal mit der Illusion von Kontrolle. Die EMDR Traumatherapie setzt hier an: Durch bilaterale Stimulation (Augenbewegungen oder taktile Impulse) werden belastende Erinnerungen neu verarbeitet. Das Gehirn ordnet sie in einen neutraleren Kontext ein, die emotionale Übererregung nimmt ab, und Betroffene können wieder klarer unterscheiden, was Gegenwart und was Vergangenheit ist.
In Kombination mit Körper- und Achtsamkeitsarbeit entsteht ein Gefühl innerer Sicherheit – eine wichtige Voraussetzung, um Sexualität und Nähe wieder angstfrei zu erleben.
Paartherapeutische Perspektiven – gemeinsam verstehen, statt urteilen
Wenn Chemsex Teil einer Beziehung war, brauchen beide Partner*innen Raum, um das Erlebte einzuordnen. Nicht selten stehen Vertrauen, Loyalität und Nähe auf dem Spiel. In der Paartherapie geht es darum, Dynamiken zu erkennen: Wie kam es dazu? Welche Bedürfnisse standen dahinter? Welche Grenzen wurden überschritten?
Ziel ist nicht, Schuldige zu finden, sondern Verständnis und neue Kommunikation zu ermöglichen.Paartherapie kann helfen, emotionale Sicherheit wiederherzustellen und Sexualität neu zu gestalten – achtsam, ehrlich und ohne chemische Hilfsmittel. Wenn beide Partner*innen bereit sind, sich selbst und den anderen neu kennenzulernen, entsteht aus der Krise häufig echte Intimität.
Selbstfürsorge und Stabilisierung im Alltag
Die Überwindung dieser Muster geschieht nicht in einer Sitzung, sondern in kleinen, alltäglichen Entscheidungen:
ausreichend Schlaf und Ernährung,
soziale Kontakte außerhalb der Konsumkreise,
Bewegung, Achtsamkeit, kreative Ausdrucksformen,
professionelle Begleitung, wenn Rückfälle drohen.
Viele meiner Klient*innen berichten, dass sie durch diese Routine erstmals wieder ein Gefühl von Kontrolle und innerer Ruhe erleben. Selbstfürsorge ist keine Schwäche – sie ist die Basis für Selbstbestimmung.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit – wo die Grenzen liegen
Wichtig: Paar- oder Sexualtherapie kann keine medizinische Entzugs- oder Suchtbehandlung ersetzen. Wenn eine körperliche Abhängigkeit besteht, muss zunächst eine medizinisch-suchttherapeutische Betreuung erfolgen. Therapeutische Begleitung – etwa durch Sexualtherapie, EMDR oder Hypnose – unterstützt anschließend die emotionale und beziehungsdynamische Aufarbeitung. In Berlin existiert ein dichtes Netz an Fachstellen, Drogenberatungen und ärztlichen Angeboten, die mit therapeutischen Praxen kooperieren. Diese Zusammenarbeit ist entscheidend, damit Betroffene nicht zwischen den Systemen verloren gehen.
Fazit – Chemsex Aufklärung Berlin verstehen heißt Menschen verstehen
Chemsex ist kein Phänomen einer bestimmten Szene oder Orientierung – es ist Ausdruck menschlicher Sehnsucht: nach Nähe, Ekstase, Verbundenheit und manchmal nach Vergessen. Was auf den ersten Blick wie reine Lust oder Grenzüberschreitung wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als ein komplexes Zusammenspiel aus Emotion, Neurochemie und Lebensgeschichte.
In der therapeutischen Arbeit – sei es in der Sexualtherapie Berlin, der Paartherapie Berlin oder der Traumatherapie mit EMDR – begegnen mir immer wieder dieselben Themen: Menschen suchen Verbindung, Sicherheit und Authentizität. Wenn diese Bedürfnisse in der Realität schwer erfüllbar sind, wird der Rausch zur vermeintlichen Abkürzung. Doch die Freiheit, die Chems versprechen, endet oft in Abhängigkeit und Isolation.
Therapie kann helfen, diese Dynamiken zu verstehen, Scham zu lösen und neue Wege der Intimität zu gestalten. Nicht durch Verzicht, sondern durch Bewusstheit, Mitgefühl und Selbstverbindung.
Wege aus der Scham – hin zur Selbstwirksamkeit
Überwindung bedeutet, Verantwortung für das eigene Erleben zu übernehmen – ohne Schuldgefühle, aber mit Mut. Viele Betroffene entdecken durch die therapeutische Arbeit, dass hinter dem Wunsch nach Rausch nicht Schwäche, sondern ein unerfülltes Bedürfnis nach Sicherheit und Zugehörigkeit steckt.
Wenn Sexualität, Nähe und Identität wieder als lebendige, eigenständige Anteile integriert werden, verliert die Substanz ihre Macht. Dann kann aus der Frage „Warum ich?“ die Erkenntnis werden: „Weil ich Mensch bin – mit Sehnsucht, Schmerz und dem Recht, zu wachsen.“
Die Rolle der Therapie – Chemsex Aufklärung und Begleitung statt Bewertung
Als Therapeutin in den Bereichen Sexualtherapie und EMDR Traumatherapie Berlin sehe ich meine Aufgabe nicht darin, zu pathologisieren, sondern zu begleiten:
mit Wissen,
mit Haltung,
mit Empathie.
Jede Geschichte ist einzigartig. Was für die einen ein Ausbruch war, ist für andere ein Hilferuf. Der Weg hinaus aus dem Chemsex-Kreislauf führt nicht über Verurteilung, sondern über das Verstehen der inneren Beweggründe – und die Entscheidung, sich selbst wieder wahrzunehmen.
Beratungsstellen und kostenlose Hilfsangebote für Chemsex Aufklärung in Berlin
Side Kicks Berlin https://sidekicks.berlin/beratung-drogen-chemsex/
Mann o meter https://www.mann-o-meter.de/angebote/chex-chemsex-beratung-und-gruppen
Schwulenberatung Berlin https://schwulenberatungberlin.de/wir-helfen/wir-helfen-alkohol-drogen/
Angebot der deutschen Aidshilfe https://www.aidshilfe.de/de/chemsex-support-quapsss
Quellen und weiterführende Literatur
Deutsche Aidshilfe: www.aidshilfe.de/thema/chemsex
Berlin Drug Checking / Fixpunkt e.V.: www.drogenberatung-berlin.de
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): www.drugcom.de
Sigmund Freud Institut: Sexualität und Suchtverhalten im 21. Jahrhundert (2021)
Jellinek & Janssen, Chemsex und die Suche nach Nähe (2019)
WHO (World Health Organization): Substance Use and Sexual Health – Evidence and Response (2022)
Lust, Rausch und Crystal Meth: Wege aus dem Chemsex-Konsum bei MSM (Fachwissen)
Disclaimer
Dieser Blogartikel " Aufklärung Chemsex in Berlin" dient der fachlichen Aufklärung und Information. Er ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder suchttherapeutische Behandlung. Bei bestehender Abhängigkeit, akuten psychischen Krisen oder körperlichen Symptomen sollte unbedingt ärztliche oder suchttherapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden. Die beschriebenen Ansätze – Paartherapie, Sexualtherapie, EMDR Traumatherapie – können begleitend unterstützen, ersetzen aber keine medizinische Versorgung. Alle im Text genannten Inhalte sind sorgfältig recherchiert, dennoch besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Wenn Sie oder jemand in Ihrem Umfeld von Chemsex betroffen ist, wenden Sie sich bitte an eine Beratungsstelle, Ärztin/Arzt oder Therapeut*in Ihres Vertrauens. In Berlin bieten u. a. die Deutsche Aidshilfe, Fixpunkt e. V. und lokale Drogen- und Sexualberatungsstellen anonyme Unterstützung und Erstgespräche an.
Abschließender Gedanke
Chemsex ist kein Zeichen von moralischem Versagen, sondern ein Symptom unserer Zeit – einer Welt, in der Nähe, Selbstwert und Identität immer wieder verhandelt werden müssen. Therapie kann kein Ersatz für Rausch sein, aber sie kann helfen, das wiederzufinden, wonach der Rausch ursprünglich gesucht hat: Verbindung – zu sich selbst und zu anderen.




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